Chronische Reizdarmbeschwerden: Blähbauch, Verstopfung, Durchfall – was steckt dahinter?

Wenn heutzutage ein Patient zum Gastroenterologen überwiesen wird, ist der Grund häufig chronischer Durchfall, Blähungen, Blähbauch, Verstopfung, Übelkeit, und Bauchschmerzen. Dieses unspezifische Krankheitsbild kann jedoch bei vielen Erkrankungen beobachtet werden, die dann häufig unter den Regenschirm-Begriff „Reizdarmsyndrom“ fallen. Es ist eine Ähnliche Symptomatik mit oftmals aber unterschiedlichen Ursachen. Reizdarmsyndrom ist ein multifaktorielles Syndrom, kann also unzählige Gründe geben für diese Symptome. Das macht es nicht leicht den „Übeltäter“ zu finden und ist unbefriedigend, sowohl für Betroffene als auch für Ärzte.

Reizdarmsyndrom als eindeutige Diagnose ist nur nach bestimmten Ausschluss-Kriterien möglich aber in den meisten Fällen doch eher uneindeutig und daher stark umstritten. Aber Ärzte wollen diagnostizieren und Patienten wollen Test-Ergebnisse, die eine Diagnose eindeutig bestätigen, um dann mit einem Behandlungs-Schema nach Hause zu gehen.

Hier beginnen die Probleme.

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Was ist SIBO (Dünndarmfehlbesiedlung)? Kann es die Ursache der Reizdarm Symptome sein?

In Studien, die auf Ursachenforschung gehen wird neben vielen anderen Ursachen, bei einem nicht unerheblichen Teil der Reizdarmpatienten SIBO (Dünndarmfehlbesiedlung) als Diagnose gestellt.

Was ist SIBO? SIBO (small intestinal bacterial overgrowth) soll laut Theorie eine bakterielle Überbesiedelung des Dünndarms (SIBO) sein, die durch ungewöhnlich hohe Mengen an Darm-Bakterien im Dünndarm gekennzeichnet ist. Das SIBO Syndrom kursiert seit einigen Jahren im Internet und in Diagnostik Laboren als valide „Diagnose“ für die Reizdarmsymptome.

Wie viele sind betroffen? Ein Meta-Analyse basierend auf 25 Fallkontrollstudien gibt an, dass je nach Test zwischen 4-60% der IBS Patienten SIBO haben. Gleichzeitig haben aber auch 4-34% der gesunden Kontroll-Probanden ein positives Test Ergebnis 1,2

Das erste Problem ist, die Studien haben verschiedene Definitionen von SIBO und verschiedenen Diagnosekriterien für das Reizdarmsyndrom. Das macht die Qualität der Ergebnisse insgesamt gering.

Das zweite Problem sind die Tests selbst, wie die außergewöhnlich hohe Spanne bei den positiven SIBO Tests unter den RDS Patienten aber auch unter den gesunden Kontrollen vermuten lassen.

Es gibt eine erhebliche "klinische Heterogenität" (für SIBO) aufgrund des Fehlens einheitlicher Auswahlkriterien für Fälle und Kontrollen und der begrenzten Sensitivität und Spezifität der verfügbaren diagnostischen Tests.

Falsch positive Testergebnisse bei SIBO Tests führen zu unnötigen Behandlungen

Der derzeitige Goldstandard für die Diagnose von SIBO war bis vor kurzem eine Bakterienkultur aus Dünndarm-Aspirat des Patienten (eine Probe genommen aus einem Teil des oberen bis mittleren Dünndarms bei einer Endoskopie). Aber die meisten Bakterienstämme benötigen unbekannte Wachstumsbedingungen (und strikten Sauerstoffausschluss) und können daher nicht kultiviert werden, was zu falsch negativen Ergebnissen führt. Außerdem ist diese Methode teuer, invasiv und damit aufwendig und risikoreich für den Patienten und ein erfahrener Gastroenterologe ist dafür nötig.

Die meisten Studien heutzutage, die SIBO bei Patienten mit Reizdarmsyndrom berichten, beruhen daher auf den Ergebnissen von Glukose- und Laktulose-Atemtests, bei denen die Menge an Wasserstoff und Methan im Atem gemessen wird, die von Bakterien nach der Verdauung von eingenommenen fermentierbaren Zuckern produziert wird.

Diese Methode ist indirekt, sie erlaubt keine Quantifizierung von Bakterien.

Glucose wird normalerweise im Dünndarm absorbiert, aber wenn SIBO vorhanden ist, sollten nach der Theorie die Bakterien nachweisbare Gase erzeugen, die dann in der Atemluft nachgewiesen werden können. Der Glukose-Wasserstoff-Atemtest ist spezifischer, aber nicht sehr sensitiv (detektiert also nur schwer nachweisbar); der Laktulose -Atemtests ist dagegen sehr unspezifisch und detektiert alles mögliche.

Das hat Konsequenzen für die Test Ergebnisse und auch für den Patienten. Je nach Test sind zwischen 4-60% der IBS Patienten SIBO positiv. Gleichzeitig haben aber auch bis zu 34% der gesunden Menschen ein positives Test Ergebnis. Die hohe Spanne bei den IBS Patienten und der hohe Anteil positiver bei den Kontrollen lässt zweifeln wie valide die Tests sind: in der Tat sind nahezu 50% der Tests als falsch positive Ergebnisse nachgewiesen worden3. Wissenschaftler sagen daher:

SIBO ist überdiagnostiziert und verursacht Verwirrung und Angst bei den Patienten (Massey et al. 2021)

Es wird viel getestet und vorsichtshalber diagnostiziert und oft unnötig medikamentös behandelt. Im direkten Vergleich wurde in Studien festgestellt, dass SIBO Diagnosen keine Unterschiede in den Symptomen haben zu Reizdarmpatienten, die ein negatives SIBO Test Ergebnis haben

Warum wird mit Atemtests getestet, wenn sie unzuverlässig sind?

Offizielle Empfehlung für den Test beruht auf Interessenkonflikt. Die Unternehmen, die die Tests herstellen genauso wie Antibiotika Hersteller  beeinflussen und sponsern Ärzte und unterstützen die Änderungen von Guidelines, daher wurden sie irgendwann als neuer Standard anerkannt4. So die Kurzform.

Mehr dazu wie eine andere Industreie, die Lebensmittelindustrien, Einfluss nehmen auf unsere Gesundheit, das Lebensmittelsystem und die Wissenschaft gibt es in meinem ab dem 22.1. erscheinenden Buch „Das Mikrobiom Komplott“.

Was ist die Ursache für die Reizdarm Symptome?

Die Frage ist also, welche Bedeutung eine SIBO Diagnose tatsächlich für den Betroffenen mit Blähbauch oder Verdauungsstörungen hat, ob wirklich „zu viele“ Bakterien im Dünndarm Schuld an den Symptomen sind. Es könnte auch irgendetwas anderes sein. Beispielsweise haben andere Untersuchungen Hinweise geliefert, dass das generelle Darmflora-Ökosystem gestört ist: dysbiotisch5. Die Zusammensetzung und der Stoffwechsel sind nicht mehr gesundheitsförderlich, kurz gesagt. Dies ist aber unabhängig von der Gesamt-Bakterienmenge1

Weiterer Hinweis: Einen symptomatischen Zusammenhang könnte es außerdem geben zwischen einem Blähbauch bei SIBO und einem stillem Reflux, worauf Kollege Gerrit in seinem Blog hinweist.

Wie wird „SIBO“ behandelt?

Es gibt außerdem kein eindeutiges Behandlungsschema für eine SIBO Diagnose, was nicht bedeutet, dass SIBO, oder besser Reizdarmsymptome, nicht behandelbar sind.

Leider führt die Diagnose SIBO jedoch zu vielen Fehl- und Überbehandlungen, die den Patienten nicht helfen und schaden können, z.B. Empfehlung für den Verzehr oder die Vermeidung von Lebensmitteln, weil sie für SIBO gut oder schlecht sein sollen; Empfehlung von Behandlungen, die nicht zugelassen sind für Reizdarm.

In der Regel wird mit Antibiotika behandelt, die zumindest für RDS zugelassen sind, z.B. Rifaximin.

Durch die hohe falsch Positiv SIBO Quote werden jedoch viele Menschen  unnötig mit Antibiotika behandelt, das neben Antibiotika Resistenzen, Schwierigkeiten bei der Darmflora Aufbau im Anschluss und vor allem in der Wirksamkeit zeigt: vielen Patienten können Antibiotika kurzfristig helfen, aber bei ca 4 von 10 kommen die Symptome nach einigen Monaten wieder zurück, sofern sich der generelle Lebensstil, und die Ernährung nicht ändert.

Ein nachhaltiger Darmaufbau ist vor allem mit einer ausgewogenen, gut abgestimmten Ernährungszusammenstellung erreichbar. Für jeden. Wie man sich 100% nährstoffdeckend mit der richtigen Ernährung im Alltag zu 100% individuell verträglich ernährt, erfährt man zum Beispiel in meinem intensiv online Kurs (Workshop) Darm Retreat. 

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Dr. Sarah-Schwitalla
Dr. Sarah Schwitalla

PhD in molekularer Medizin und Biochemie 10 Jahre biomedizinische Krebs-Forschung und Pharmaindustrie Erfahrung TU München, Harvard Medical School, University of Cambridge.

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Referenzen

  1. Takakura W, Pimentel M. Small Intestinal Bacterial Overgrowth and Irritable Bowel Syndrome – An Update. Front Psychiatry. 2020;11. doi:10.3389/FPSYT.2020.00664
  2. Shah A, Talley NJ, Jones M, et al. Small Intestinal Bacterial Overgrowth in Irritable Bowel Syndrome: A Systematic Review and Meta-Analysis of Case-Control Studies. Am J Gastroenterol. 2020;115(2):190-201. doi:10.14309/AJG.0000000000000504
  3. Lin EC, Massey BT. Scintigraphy Demonstrates High Rate of False-positive Results From Glucose Breath Tests for Small Bowel Bacterial Overgrowth. Clin Gastroenterol Hepatol. 2016;14(2):203-208. doi:10.1016/J.CGH.2015.07.032
  4. Maltz C. Conflicts of Interest in the North American Consensus on Breath Testing. Am J Gastroenterol. 2017;112(12):1892. doi:10.1038/AJG.2017.198
  5. Sundin J, Aziz I, Nordlander S, et al. Evidence of altered mucosa-associated and fecal microbiota composition in patients with Irritable Bowel Syndrome. Sci Rep. 2020;10(1):593. doi:10.1038/s41598-020-57468-y
  6. Massey BT, Wald A. Small Intestinal Bacterial Overgrowth Syndrome: A Guide for the Appropriate Use of Breath Testing.
    Dig Dis Sci. 2021;66(2):338-347. doi:10.1007/S10620-020-06623-6

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