Mehr als die Hälfte der Deutschen sind übergewichtig – Welche Nebenwirkungen haben Diät-Shakes auf das Mikrobiom?

Laut des aktuellen Ernährungsreports der Bundesregierung sind in Deutschland ca. 50% der Frauen und 60% aller Männer übergewichtig1.

Viele versuchen regelmäßig mit Diäten Gewicht zu verlieren, essen temporär stark kalorienreduziert oder trinken wochenlang Diät-Shakes. Welche Nebenwirkungen, außer Gewichtsverlust, hat es?

Eine neue Studie aus dem Jahr 2021 hat den Effekt von stark kalorienreduzierter Ernährung auf das Darm-Mikrobiom untersucht. 80 übergewichtige Frauen (leicht bis stark übergewichtig) haben über 16 Wochen medizinisch und ernährungstherapeutisch betreut eine stark kalorienreduzierte Diät durchgezogen, die im Wesentlichen aus Diät-Shakes bestand und kaum mehr als 800 kcal hatte (der gesunde Verbrauch des menschlichen Körpers eines Durchschnittsmenschen, damit alle Prozesse im Körper gesund funktionieren, liegt bei 1800-2000 kcal). Die Vergleichsgruppe behielt ihre Ernährung bei. Vor dem Versuch und direkt nach Ende wurde die Darmflora aller Probanden mit Stuhltests untersucht.

(DISCLAIMER: Stuhltests sind keine adäquate Methode, um das Mikrobiom und seinen Effekt auf den Körper zu analysieren noch eine valide Diagnostik um eine Aussage über den Gesundheitszustand des Mikrobioms zu machen. Daher sind die Ergebnisse dieser Art mit Vorsicht und maximal als kleinen Hinweis zu betrachten. Hierzu wird es eine separate Podcast Episode geben in Zukunft.)

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Podigee zu laden.

Inhalt laden

Diät: Dysbiose & C.difficile Krankenhauskeim Fehlbesiedlung – erhöhtes Colitis Risiko?

Die Frauen, die sich der strikten Diät unterzogen, hatten nach dem Testzeitraum eine starke Mikrobiom-Dysbiose entwickelt. Die generelle Anzahl der Mikroorganismen im Darm war stark reduziert hatte (ähnlich wie nach einer Antibiotikabehandlung) und die Frauen entwickleten dadurch eine starke Übersiedlung bzw Fehlbesiedlung mit dem potentiell pathogenen Krankenhauskeim Clostridioides difficile 2.

Cdifficile kommt zwar auch so in natürlicher Form überall vor, auch in einem gesunden Darm, aber nicht in kritischer Menge. Eine starke Übersiedlung mit dem Keim im Darm steht in Verbindung mit tödlichen Krankenhaus Infektionen, an denen jedes Jahr in EU über 120 000 Menschen erkranken und fast 4000 davon jedes Jahr sterben, da C. difficile Toxine herstellt, die systemisch und lokal im Darm starke, schmerzhafte Entzündungen hervorrufen können3. Diese Clostridien-Spezies breitet sich auch häufig nach Antibiotika-Therapien im Darm aus und verursacht Entzündungen, Durchfälle und kann das Risiko für die chronische Darmentzündung Colitis U. erhöhen.

Prof. Spranger (Studienautor): "Eine sehr kalorienarme Ernährung verändert unser Darmmikrobiom stark und scheint die Besiedlungsresistenz für das Krankenhausbakterium Clostridioides difficile zu verringern.

 

 

Die Probanden in der Studie entwickelten in dem kurzen Zeitraum keine Colitis oder eine starke akute Entzündung, doch die Forscher haben dies leider nicht weiter untersucht. Vermutet wird jedoch, dass die Probanden durch diese Dysbiose im Darm sehr anfällig geworden sind für Infektionen oder Überbesiedlung (Fehlbesiedlung) mit sämtlichen Pathogenen, Darmbarrierestörungen und auch die chronisch entzündliche Darmerkrankung Colitis, da dasselbe Muster im Darm bereits von vielen chronischen Erkrankungen bekannt ist.

Interessant wäre ein Follow-Up über einen längeren Zeitraum, noch mehr Stoffwechselparameter der Probanden und die ihrer Mikroben, Entzündungsparameter usw. Laut Angaben ist dies aktuell in der Untersuchung.

Wie reagiert das Mikrobiom auf Diät und Kalorienreduktion?

Durch die wochenlange Diät, konnten die Wissenschaftler der Studie jedenfalls beobachten, wie die Mikroben eine Art Hungersnot-Syndrom entwickelten, ihren Stoffwechsel gezwungenermaßen umstellten und begannen mehr Kohlenhydratmoleküle als üblich aus dem Verdauungsbrei im Darm zu verstoffwechseln, also selbst mehr zu essen, denn wenig Energie für die menschlichen Zellen und den Stoffwechsel, wie bei einer low-Calorie Ernährung, bedeutet gleichzeitig zu wenig Energie für das Darm-Mikrobiom und seinen Stoffwechsel. Der Mikrobiom Stoffwechsel basiert und funktioniert genau wie der menschliche Zellstoffwechsel ebenfalls auf Kohlenhydraten. Die Mikroben bevorzugen allerdings die für den Menschen unverdaulichen KH, die Ballaststoffe.

"Man könnte sagen, wir haben die Entwicklung eines 'hungrigen Mikrobioms' beobachtet".

Essen wir dauerhaft oder längere Zeit unterkalorisch oder eine Art der Ernährung, die wenig Kohlenhydrate und daher oftmals zu wenig Ballaststoffe enthält, also zu wenig frisches Obst, Gemüse, Vollkorn oder Hülsenfrüchte, führt dies dazu, dass das Risiko für Darmflora Dysbiosen und Fehlbesiedlungen sich erhöht. Mit der Konsequenz, dass Infektionen, Darmentzündungen und Folgeerkrankungen entstehen können.

Wie reagiert das Mikrobiom bei einer unausgewogenen Ernährung und Fehlernährung?

Dies hat man in diversen Studien beobachtet, in denen entweder bei den Menschen starke Mikronährstoffmängel durch Fehlernährung vorlagen oder bei einer Ernährung die den Schwerpunkt anstatt auf frischem Obst, Gemüse oder Vollkorn mehr auf industriell verarbeiteten Lebensmitteln, Süßigkeiten, gesüßten Getränken, Fast Foods, gesättigte Fette und Fleisch legt.

Dies haben Forscher in einer kolumbianischen Studie gesehen, die 2 Bevölkerungsgruppen in Kolumbien untersucht haben, von denen die eine in der Stadt lebende Gruppe sich relativ ballaststoff- (< 15 Gramm pro Tag) und entsprechend nährstoffarm ernährten mit den eben erwähnten Lebensmitteln, während die andere, ländlich lebende Bevölkerungsgruppe eine traditionellere Ernährung mit viel Selbstgekochtem, Gemüse, Obst, Getreide und Hülsenfrüchten gegessen haben. Die Städter hatten ähnlich der Probanden mit der kalorienreduzierten Diät aus der eingangs beschriebenen Studie, eine starke Dysbiose entwickelt mit einer Übersiedlung von möglicherweise pathogenen Bakterien (wie C. difficile oder B. fragilis), die im Zusammenhang mit der Entwicklung von Darmentzündungen wie Colitis, Durchfällen, Reizdarm, Blasenentzündung und Darmkrebs stehen4.

Abnehmen mit (gesunden) kohlenhydratreichen Lebensmitteln: gesund für das Mikrobiom

Eine dauerhafte kalorienreduzierte Ernährung, die oft mit einer unausgewogenen und nicht nährstoffdeckenden Ernährung Hand in Hand geht und die daher in der regel zu wenig Ballaststoffe enthält, lassen nicht nur die Pfunde purzeln, sondern gefährden die Gesundheit unseres Mikrobioms im Darm. Das Mikrobiom wird aus dem gesunden Gleichgewicht gebracht und fördert dadurch das Risiko für Infektionen, Darmentzündungen und chronische Folgeerkrankungen.

Insofern: auch beim Abnehmen darauf achten, nicht dauerhaft zu stark unterkalorisch zu essen, immer mindestens 30-50 Gramm Ballaststoffe über Obst, Gemüse, Vollkorn und Hülsenfrüchte zu decken. Praktisch ist, dass diese Lebensmittel gleichzeitig extrem nährstoffreich sind aber verhältnismäßig kalorienarm, so dass man so viel davon essen kann, ohne zuzunehmen und vor allem satt wird. Kein Shake nötig.

Referenzen

  1. Klöckner veröffentlicht Ernährungsreport 2019. https://www.foodwatch.org/de/aktuelle-nachrichten/2019/kloeckner-veroeffentlicht-ernaehrungsreport-2019/. Accessed May 12, 2021.
  2. von Schwartzenberg RJ, Bisanz JE, Lyalina S, et al. Caloric restriction disrupts the microbiota and colonization resistance. Nat 2021 5957866. 2021;595(7866):272-277. doi:10.1038/s41586-021-03663-4
  3. Clostridium difficile infections – Facts and surveillance. https://www.ecdc.europa.eu/en/clostridium-difficile-infections/facts. Accessed August 10, 2021.
  4. García-Vega ÁS, Corrales-Agudelo V, Reyes A, Escobar JS. Diet quality, food groups and nutrients associated with the gut microbiota in a nonwestern population. Nutrients. 2020;12(10):1-21. doi:10.3390/nu12102938

Dr. Schwitalla für

Vortrag oder Beratung anfragen

Dr Schwitalla als Rednerin anfragen
BEITRAG TEILEN: